Vivre en coloc – In Deutschland und Frankreich

Gleich am frühen Morgen in einer Fremdsprache reden?
Was für Morgenmuffel erstmal schrecklich klingt, war eine der besten Erfahrungen meines Auslandsaufenthalts in Aix-en-Provence. 

Ich habe sowohl in Deutschland als auch in Frankreich bereits jeweils in drei WGs gelebt. Auch wenn natürlich jede WG anders ist, möchte ich ein paar meiner Erfahrungen teilen, damit du entscheiden kannst, ob eine WG vor allem in dem Partner- oder Drittland etwas für dich ist.

WG-Kultur in Deutschland und Frankreich

Die WG-Kulturen in Deutschland und Frankreich sind sehr unterschiedlich. Während es in Deutschland fast die üblichste Wohnform während des Studiums ist, wohnen in Frankreich nur wenige StudentInnen in WGs und vergleichsweise viele bei ihren Eltern. In Deutschland sind WGs meist viel familiärer, weil die meisten StudentInnen dort für mehrere Jahre wohnen und auch oft die Semesterferien dort verbringen. In Frankreich fahren die meisten StudentInnen für die langen Semesterferien im Sommer nach Hause. Dieser Unterschied wird einem auch sofort bei der Wohnungssuche bewusst: Denn in Deutschland sind es fast immer die MitbewohnerInnen, die die Neuen aussuchen. Es finden regelrechte Castings statt, bei denen mehrere Leute nacheinander eingeladen werden und geguckt wird, ob man reinpasst und sich sympathisch findet. Es  muss also vor allem menschlich passen. In Frankreich hingegen sind es meistens die VermieterInnen, die bestimmen, wer das Zimmer bekommt – und die entscheiden das vor allem nach finanzieller Absicherung. Wie genau das aussieht, erkläre ich gleich noch. Deswegen kennt man seine MitbewohnerInnen in Frankreich auch meistens vor dem Einzug noch nicht wirklich. 

Abgesehen von den Herangehensweisen, wie man im Partnerland eine WG findet, die ich gleich erklären werde, kann man natürlich auch sein deutsch-französisches Netzwerk nutzen. Sowohl im TübAix- als auch im EIFA-Studiengang wechseln die Studierenden ja fast jährlich ihren Aufenthaltsort, es werden also auch jedes Jahr immer wieder WGs frei. Es lohnt sich also mal bei den Studierenden im Jahrgang über einem zu fragen, ob vielleicht jemand zum nächsten Jahr aus seiner WG auszieht und du das Zimmer dann vielleicht einfach übernehmen kannst. Manchmal kann man sogar einfach tauschen, wenn jeder in die Stadt des anderen zieht. 

WG-Suche in Deutschland

In Deutschland findet die ganze WG-Suche eigentlich nur auf wg-gesucht.de statt, es gibt aber auch ein paar Anzeigen in Facebook-Gruppen oder Aushänge in Uni-Gebäuden. Oftmals schreibt man sehr viele WGs an und erhält nur wenige Antworten. Um seine Chancen zu erhöhen, sollte man die WGs auf jeden Fall auf eine persönliche Art und Weise anschreiben, d.h., dass du am besten erzählst, was du gerne in deiner Freizeit machst, was dir am WG-Leben wichtig ist, sodass du bei der ganzen Flut an Bewerbungen positiv auffällst. Wenn das der Fall ist, wirst du zu einem Casting eingeladen, bei dem du dann die aktuellen BewohnerInnen näher kennenlernst. Wenn du dafür nicht nach Deutschland kommen kannst, sind auch viele WGs bereit per Videoanruf zu reden.

WG-Suche in Frankreich

In Frankreich wirst du am besten auf den Seiten appartager.com oder leboncoin.fr fündig. Manchmal gibt es aber auch auf wg-gesucht.de Anzeigen in Frankreich. Viele französische Vermieter verlangen eine Bürgschaft und oftmals wird auch schon im Vorfeld eine hohe Kaution verlangt. Dies ist vor allem ein Problem, wenn man sich das Zimmer vorher nicht angucken kann. Da dies bei mir in Aix-en-Provence der Fall war, habe ich mit dem Vermieter einen Kompromiss gefunden: Ich wollte in keine Falle tappen, aber konnte auch verstehen, dass er eine gewisse Sicherheit wollte, weswegen wir uns schließlich darauf geeinigt haben, dass ich nur einen kleinen Teil der Kaution überweise. Den restlichen Teil habe ich dann bei meinem Einzug bezahlt. Das funktioniert wahrscheinlich nicht immer, aber kann eine Lösung sein. Zudem sollte man bei einem französischen Mietvertrag darauf achten, dass er keine „clause de solidarité“ enthält, da dies bedeutet, dass du im schlimmsten Fall für deine MitbewohnerInnen bürgen musst.

Dadurch, dass man in Frankreich seine MitbewohnerInnen vorher noch nicht kennt, kann man natürlich schlechter voraussagen, wie das WG-Leben sein wird. Aber ich persönlich finde am WG-Leben besonders spannend, dass man mit Leuten zusammenwohnt, die man sonst wahrscheinlich nie getroffen hätte, weil man vielleicht erstmal ganz unterschiedlich ist, dann aber durch das intensive Kennenlernen über das Zusammenleben eine vertraute Beziehung aufbauen kann.

WG-Leben als Teil der Auslandserfahrung

Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung nur sagen, dass es vor allem im Partner- oder Drittland einen sehr großen Unterschied machen kann, wenn man in einer WG wohnt. Ich habe in Aix-en-Provence zum Beispiel mit drei Französinnen zusammengewohnt und habe mich dadurch so viel schneller integrieren können, da ich gleich drei Menschen so gut kennengelernt habe und dadurch tägliche Sprachpraxis hatte. Wenn man nur ein Jahr an einem fremden Ort ist, dann ist es oft schwierig in der kurzen Zeit tiefe Freundschaften aufzubauen. Es passiert einem so leicht, sich mit Leuten der gleichen Nationalität anzufreunden, weil es einfacher ist und man in der gleichen Situation ist. Daher war die WG-Erfahrung für mich unglaublich wertvoll.

Man muss fairerweise sagen, dass es in Frankreich deutlich teurer ist, in einer WG statt im Wohnheim zu wohnen, in Deutschland hingegen macht es finanziell keinen großen Unterschied. Man kann sogar noch günstiger dabei wegkommen, wenn man in Tübingen in einem Wohnprojekt ein Zimmer bekommt. Wohnprojekte sind nicht das gleiche wie Wohnheime. Es gibt sie nicht in allen deutschen Studentenstädten und vor allem nicht so viele wie in Tübingen. Es sind ehemalige von StudentInnen besetzte Häuser, die jetzt von diesen selbst verwaltet werden, weswegen man dort eine sehr geringe Miete bezahlt, dafür aber auch viel mehr Mitverantwortung für das Haus trägt. Die BewohnerInnen der Wohnprojekte legen oft viel Wert auf Gemeinschaft und sind meistens auch politisch engagierter. 

Letztendlich ist es natürlich auch eine Typsache, ob man gerne mit anfangs fremden Menschen zusammenwohnen möchte, aber vor allem für das Auslandsjahr kann dieser intensive interkulturelle Austausch eine tolle Erfahrung sein! Durch meine Mitbewohnerinnen habe ich viel mehr Franzosen und Französinnen kennengelernt, wir haben gemeinsam bei uns soirées veranstaltet, sind abends noch auf ein Glas Wein in die Stadt gegangen oder haben einfach nur in der Küche gequatscht und uns über unseren Tag ausgelassen. Natürlich hat es auch sprachlich für mich einen großen Unterschied gemacht, da ich so viel mehr Praxis hatte. Am Anfang hat es mich manchmal noch Überwindung gekostet, mich entweder morgens noch verschlafen oder abends nach einem langen anstrengenden Unitag in die Küche oder ins Wohnzimmer zu setzen und mich mit ihnen zu unterhalten, aber schon nach kurzer Zeit waren diese Gedanken weg, da ich mich so wohl gefühlt habe und es mich auch immer weniger Anstrengung gekostet hat, auf französisch zu sprechen. Aber abgesehen von Vorteilen, was die Sprache oder die Integration angeht, habe ich dadurch auch einfach drei echt gute Freundinnen bekommen, zu denen ich auch heute noch Kontakt habe!

Wie sind eure Erfahrungen? Habt ihr während eures Auslandsaufenthaltes in einer WG oder in einem Wohnheim gelebt?

Fiona  | 

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